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Schlafstörungen bei MS

Ein Interview mit Dr. med. Manuel Eglau

 

Gleich zu Beginn des Gesprächs richtet Dr. Eglau einen Appell an die Mediziner – und schließt damit alle Fachrichtungen und medizinische Ausbildungsstätten ein. Die Fatigue ist das von MS-Patienten am häufigsten beklagte und sehr belastende Symptom. Liegt bei MS-Patienten eine Fatigue vor, dann sollten schlafmedizinische Untersuchungen durchgeführt werden.

Als völlig unzureichend beschreibt der Neurologe und Somnologe die Abklärung dieser Patientengruppe hinsichtlich Schlafstörungen. Dabei sind diese von Experten identifizierbar – und erfolgreich behandelbar, wodurch in der Regel auch eine Abnahme der Fatigue erreicht werden kann.

 

E. Rosenstein: Mit welchen Schlafbeschwerden kommen MS-Patienten zu Ihnen?
Dr. Eglau: Wir Somnologen unterscheiden 88 verschiedene Formen von Schlafstörungen. Die meisten Menschen, die zu uns kommen haben eine jahrelange Leidensgeschichte hinter sich. Allen gemein ist, dass ihr Leben stark beeinträchtigt ist, weil der unerholsame Schlaf weit in den Alltag hineinwirkt: von chronischer Tagesmüdigkeit über kognitive Probleme bis hin zu schweren Depressionen. Meine Aufgabe als Arzt ist es, den dahinterliegenden Ursachen auf den Grund zu gehen.
Übrigens, die Verordnung von Schlafmitteln durch Allgemeinärzte in Deutschland ist laut einer DAK-Studie von 2017 stark angestiegen, Tendenz steigend. Hier wird aus Sicht von Somnologen keine Ursachenklärung betrieben, sondern nur an Symptomen kuriert – mit teils verheerenden Nebenwirkungen. Die wahren Ursachen bleiben unentdeckt.

 

Warum ist guter und erholsamer Schlaf so wichtig?
Dr. Eglau: Menschen verbringen ein Drittel ihres Lebens mit Schlafen. Aus der Schlafforschung weiß man: Während des Schlafens ist das Gehirn höchst aktiv. Im Tiefschlaf finden Reparaturleistungen im Zellstoffwechsel statt. Schlafen stärkt unser Immunsystem. Und hier möchte ich die Brücke zur MS schlagen: Es handelt sich ja um eine autoimmunologische Erkrankung. Ein MS-Patient mit Schlafstörungen schwächt somit sein Abwehrsystem zusätzlich.
Ein weiterer Aspekt des guten Schlafes: Kognitive Fähigkeiten wie Konzentration, Lernen, Gedächtnis hängen stark von der Qualität des Schlafes ab. Verbessern wir den Schlaf des MS-Betroffenen, verbessern wir gleichzeitig seine kognitiven Fähigkeiten.


Welche Arten von Schlafstörungen stellt man bei MS häufig fest?
Dr. Eglau: Hier möchte ich eine Studie aus den USA zitieren, die unter dem Namen „The Underdiagnosis of Sleep Disorders in Patients with Multiple Sclerosis“ erschienen ist. Sinngemäß bedeutet dies: Schlafstörungen werden bei MS-Patienten zu selten diagnostiziert. In dieser Untersuchung litten 32 Prozent der Patienten mit MS unter chronischen Ein- und Durchschlafstörungen, weitere 38 Prozent unter Schlafapnoe (Atemaussetzer, Anm. der Redaktion) und 37 Prozent hatten mit dem Restless-Legs-Symdrom (Unruhe und Missempfindungen in den Beinen, Anm. der Redaktion) zu kämpfen. Das sind frappierende Zahlen, die ich aus meiner täglichen Arbeit bestätigen kann.

 

Gibt es darüber hinaus weitere Ursachen für Schlafstörungen?
Dr. Eglau: Bei MS-Patienten sind Blasenstörungen häufige Auslöser von unruhigen Nächten. Neben einer urologischen Abklärung kann auch eine schlafmedizinische Untersuchung sinnvoll sein. Denn Fakt ist: Oft liegt bei häufigem Wasserlassen in der Nacht eine Schlafapnoe vor, weil es über erhöhte Natriumwerte zu vermehrtem nächtlichem Wasserlassen kommt. Wird die Schlafapnoe gezielt behandelt reduziert sich dieses Problem und der Schlaf wird erholsamer.
Darüber hinaus führen häufig Spastik, Schmerzen und Missempfindungen zu Schlafunterbrechungen, die dann physiotherapeutisch und ggfs. medikamentös behandelt werden sollten.
Medikamenten-Nebenwirkungen gehören ebenfalls zu behandelbaren Auslösern von Schlafstörungen. Beispiele gibt es hierfür Viele: Cortison, aber auch bestimmte Blutdrucksenker, Antidepressiva und Schmerzmittel können nachts zum Problem werden. In solchen Fällen ist oftmals eine Dosisreduktion oder der Wechsel auf einen anderen Wirkstoff hilfreich.


Können Sie uns den typischen Ablauf beschreiben, wenn jemand in Ihre Sprechstunde kommt?
Dr. Eglau: Es sind viele Faktoren, die zu einem gestörten Schlaf führen, auch psychische Gründe gehören dazu. Meine Aufgabe als Schlafmediziner ist es, dieses Knäuel an Problemen zu entwirren und Ursachenforschung zu betreiben; deswegen wird das Erstgespräch in unserem Zentrum für Schlafmedizin sehr ausführlich gehalten. Zusätzlich bearbeiten die Patienten bereits im Vorfeld des Sprechstundentermins etliche Fragebögen, die sich rund um das Thema Schlaf und Schlafstörungen drehen. Bei manchen Patienten ist zusätzlich eine Untersuchung im Schlaflabor erforderlich. Auf diese Weise gelingt es, den Ursachen auf die Spur zu kommen und diese gezielt zu behandeln.


Wann sollte ein MS-Patient einen Schlafmediziner aufsuchen?
Dr. Eglau: Aufgrund der Häufigkeit von Schlafstörungen gerade bei MS-Patienten sollte möglichst jeder MS-Patient, der unter Fatigue oder anhaltender Tageschläfrigkeit/Tagesmüdigkeit leidet bzw. unerholsam schläft, schlafmedizinisch abgeklärt werden. Aktuell erarbeitet eine interdisziplinäre Expertengruppe unserer Klinik einen Algorithmus zum exakten Vorgehen bei Fatigue, in dem auch die notwendigen schlafmedizinischen Untersuchungen aufgeführt sind.


Wie unterscheidet sich Fatigue von starker Tagesmüdigkeit, die auf mangelhaften Schlaf zurückzuführen ist?
Dr. Eglau: Unter Fatigue versteht man eine erhöhte, im Tagesverlauf zunehmende, psychische und körperliche Erschöpfbarkeit, begleitet von einem dauerhaften Müdigkeitsgefühl. Eine exakte Abgrenzung zwischen Fatigue und Tagesmüdigkeit infolge eines gestörten Schlafes ist jedoch häufig schwierig, so dass ich den Betroffenen raten möchte, sich sicherheitshalber ergänzend schlafmedizinisch abklären zu lassen.
Aufklärung über diese Zusammenhänge ist wichtig und kommt den Betroffenen zugute, denn die gute Nachricht ist: Schlafstörungen lassen sich erfolgreich behandeln, eine Abnahme der Fatigue ist die Folge.


Zuletzt stellt sich die Frage: Kann man gut schlafen lernen?
Dr. Eglau: Ja, davon bin ich überzeugt. Jeder Mensch hat eine angeborene, innere Uhr. Die unterschiedlichen Schlafbedürfnisse sind im Gehirn verankert. Versuchen Sie, so gut wie möglich nach der inneren Uhr zu leben. Dafür ist es wichtig, einfache Schlafregeln zu beherzigen:

•    Halten Sie einen regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus ein mit einem möglichst gleichbleibenden Aufstehzeitpunkt. Ein Mittagsschlaf sollte nicht länger als 20 Minuten dauern.
•    Gehen Sie erst zu Bett, wenn Sie sich schlafensmüde fühlen.
•    Gewöhnen Sie sich entspannende Einschlafrituale an, dazu gehören Lesen, Spazierengehen und ruhige Musik. PC, TV oder Smartphone sowie berufliche Dinge haben im  Schlafzimmer nichts verloren.
•    Treiben Sie regelmäßig Sport und gehen Sie viel an die frische Luft.

 

Dr. med. Manuel Eglau, Neurologe, Psychiater und Somnologe, ist Leiter des Zentrums für Schlafmedizin an den Kliniken Schmieder in Allensbach.
www.kliniken-schmieder.de

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